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Wie viele wirklich gute Freundschaften hast du in deinem Leben? Fühlst du dich in ein sicheres soziales Netz eingebunden? Fühlst du dich mit dir selbst gut verbunden? Lebst du eine gute Balance zwischen Zeit mit dir allein und Zeit mit anderen?
Wenn du diese Fragen oft mit Nein beantwortest, kann es sein, dass du dich in deinem Leben einsam fühlst. Einsamkeit betrifft in unserer modernen Gesellschaft immer mehr Menschen. Studien zeigen, dass sich ein großer Teil der Menschen in Deutschland häufig einsam fühlt, und längst nicht nur ältere, sondern gerade auch jüngere Generationen.
Sicher war die Coronazeit ein Katalysator für das Interesse an diesem Thema. Fakt ist aber auch, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen die Vereinsamung vieler Menschen verstärken.
Chronische Einsamkeit kann ähnlich schädlich für die Gesundheit sein wie das tägliche Rauchen von 15 Zigaretten, so lautet ein oft zitiertes Ergebnis aus der Forschung. Der Hirnforscher Manfred Spitzer beschreibt Einsamkeit sogar als Krankheit mit deutlichen Folgen für die Gesundheit. Vor allem aber beeinflusst sie unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualität.
Dabei wird Einsamkeit sehr subjektiv empfunden, denn unsere Bedürfnisse nach Kontakt sind verschieden. Die eine braucht viel Zeit für sich, um sich zu erholen, die andere fühlt sich in Gesellschaft wohl und eingebunden. Und die nächste fühlt sich inmitten vieler Menschen völlig allein.
Wer einmal in der Spirale der Einsamkeit steckt, dem fällt es mit der Zeit immer schwerer, wieder ins soziale Leben einzusteigen. Scham spielt dabei eine große Rolle, gerade in Zeiten scheinbar grenzenloser digitaler Vernetzung. Und natürlich hängt Einsamkeit mit unseren Bindungserfahrungen in Kindheit und Jugend zusammen. Wer von nahen Bezugspersonen zurückgewiesen, emotional missbraucht oder mit Gewalt verletzt wurde, musste oft ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Menschen entwickeln.
Einsamkeit als unbeantwortete Frage unseres Bindungssystems
Betrachten wir Einsamkeit vor dem Hintergrund unseres Bindungssystems, wird schnell klar: Einsamkeit ist eine natürliche Reaktion, die ihre volle Berechtigung hat. Schon in der Steinzeit waren wir darauf angewiesen, zu einer Gruppe zu gehören, um zu überleben. Das ist biologisch in uns angelegt. Auch wenn wir heute nicht mehr existenziell darauf angewiesen sind, wirken diese neuronalen und biologischen Muster weiter in uns.
Ein kurzer Ausflug in die spirituelle Szene
„Man muss sich erst einmal selbst lieben und allein sein können, bevor man eine erfüllte Partnerschaft oder schöne Freundschaften leben kann.“ Wie oft habe ich diesen Satz in der spirituellen Szene gehört und gelesen. Und dann habe ich so viel Kraft darauf verwendet, endlich wirklich allein zurechtzukommen, das Leben allein zu meistern, niemandem zur Last zu fallen, bloß nicht um Hilfe zu bitten und viele emotionale Prozesse allein zu halten.
Heute kann ich das alles gut. Aber genau das war eine direkte Fortsetzung meiner tiefsten Glaubenssätze und meiner Prägungen aus der Kindheit, und es hat mich in eine tiefe Einsamkeit geführt. Zum Glück drehe ich meinen Kurs gerade wieder mehr in Richtung Gemeinschaft und kann Menschen wieder näher an mich heranlassen.
Muss ich mich erst selbst lieben, um schöne Kontakte leben zu können?
Mit all dem Wissen über Trauma und den Erfahrungen der letzten Jahre möchte ich mich deutlich von der Idee distanzieren, wir müssten erst einmal alles allein reparieren, was in uns verletzt ist. Bei vielen Traumata ist es für die Heilung sogar wesentlich, dass andere Menschen traumasensibel begleiten oder als Freundinnen und Freunde liebevoll da sind. So werden neue, gute Bindungserfahrungen möglich, und unser Nervensystem kann sich in Verbindung mit anderen regulieren, in der sogenannten Co-Regulation.
Viele Menschen haben sogenannte menschengemachte Traumata erlebt, wurden also von nahen Bezugspersonen tief verletzt. Oft in einem Alter, in dem sie keine Chance hatten, sich zu schützen oder zu fliehen, weil sie darauf angewiesen waren, von genau diesen Menschen versorgt und im besten Fall liebevoll umsorgt zu werden.
Unser Bindungssystem ist darauf ausgelegt, Kontakt herzustellen, zum Beispiel zur Mutter oder zum Vater. Das sieht man schon bei Säuglingen, die ihre Mutter anlächeln und Blickkontakt suchen. Im sogenannten Still-Face-Experiment zeigt sich eindrücklich, was passiert, wenn diese Kontaktversuche nicht beantwortet werden: Schon nach kurzer Zeit wird das Baby unruhig, beginnt zu weinen und zieht sich, wenn die Antwort weiter ausbleibt, schließlich in sich selbst zurück. Es wird still und resigniert.
Solche frühen Erfahrungen prägen unser weiteres Bindungsverhalten. Wichtig sind vor allem die ersten Lebensjahre, besonders bis etwa zum sechsten Lebensjahr. Auch hier lautet die Frage: Wie gut wurde unser Bedürfnis nach Bindung beantwortet? Haben wir uns sicher, geborgen, gesehen und geliebt gefühlt? Oder haben diese Jahre Verletzungen hinterlassen, die bis heute wirken?
Was hat Einsamkeit damit zu tun?
Wenn wir schon früh solche Erfahrungen machen mussten, entsteht oft ein unsicheres Bindungsverhalten, das es uns schwer macht, stabile Beziehungen aufzubauen und zu halten. Wir entwickeln Strategien, die von Überanpassung bis zum völligen Rückzug reichen. Manchmal führt das auch in verletzende Partnerschaften, in denen wir um jeden Preis vermeiden, allein und verlassen zu sein, und dabei die schmerzhafte frühe Bindungserfahrung wiederholen.
Wenn wir uns einsam fühlen, haben wir oft auch uns selbst und unsere verletzten inneren Anteile verlassen. Die Einsamkeit, die sich im Außen zeigt, etwa durch wenige soziale Kontakte, beginnt zuerst in unserem Inneren. Wir können uns diesen Anteilen nicht wohlwollend und mit Selbstmitgefühl zuwenden. Oft gehen wir noch dazu hart mit uns ins Gericht und verurteilen uns dafür, einsam zu sein und es nicht zu schaffen, einen guten Freundeskreis aufzubauen.
Wege aus der Einsamkeit
Genau hier kann Selbstmitgefühl ein erster, wichtiger Schritt aus der inneren Einsamkeit sein. Wenn wir uns selbst und vor allem den verlassenen inneren Anteilen liebevoll begegnen, beginnt bereits Heilung. Wir treten wieder in Kontakt mit uns selbst, und das kann nach und nach Erleichterung bringen.
Gleichzeitig ist es wichtig, Menschen an unsere Seite zu holen, die uns helfen, die verletzten Anteile zu integrieren. Solange sie nicht gesehen werden, werden sie immer wieder aktiviert und verstärken das Gefühl der Einsamkeit. Sie wollen nicht zurückgelassen werden, sondern endlich gesehen, gehört und gefühlt werden. Gelingt das, zum Beispiel mit traumasensibler Begleitung, gewinnen wir die Fähigkeit zurück, uns überhaupt wieder auf Nähe einzulassen. Es ist ein Wechselspiel: im Inneren die Verlassenheitswunde heilen und zugleich wieder Kontakt mit anderen leben.
Denn was uns wirklich nährt, sind liebevolle, tiefe, ehrliche und zugewandte Begegnungen, in denen wir uns so zeigen können, wie wir wirklich sind. Nicht so, wie ein glänzendes Social-Media-Profil es vorgibt. Es geht darum, zu unserer Menschlichkeit zurückzukehren. Denn auch Rollen und Funktionen in Beziehungen verstärken die Einsamkeit, weil wir spüren, dass nicht wir selbst gemeint sind, mit unserer Einzigartigkeit, sondern das, was wir für andere erfüllen.
Jetzt könnten noch all die gut gemeinten Tipps folgen, wie man aus der Einsamkeit aussteigt: ein Töpferkurs an der Volkshochschule, ein Verein und so weiter. Die lasse ich hier weg. Heilung im Inneren sucht sich ganz von selbst einen Weg nach außen, und wir finden auf natürliche Weise wieder zu mehr Gemeinschaft. Das kann eine spannende Reise sein: zu entdecken, wo es dich wirklich hinzieht.
Aus der Einsamkeit in die Verbundenheit
Wenn du spürst, dass deine Einsamkeit tiefer reicht und alte Wunden berührt, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. Mehr dazu findest du unter Begleitung. Und in meinen Workshops erlebst du, wie es sich anfühlt, in einer Gruppe ganz bei dir sein zu dürfen.
Alles Liebe,
Ulrike

In einem kostenlosen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, ob eine Begleitung für dich passt. Oder du liest weiter im Blog.