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„Wenn ich jetzt eine schwere Krankheit bekommen würde, würde ich nicht eine einzige Sekunde um mein Leben kämpfen. Im Gegenteil, ich wäre froh, wenn dieser ganze Schwachsinn hier bald vorbei wäre.“ Mit diesem Satz begann ich heute Morgen meine Therapiesitzung, begleitet von Tränen.
Die letzten Tage waren geprägt von Schwere und Traurigkeit, ohne Motivation, ein Warten darauf, dass der Tag vorbeigeht. Immerhin konnte ich noch ein paar Dinge regeln. Alles empfand ich als sehr anstrengend.
Das Thema, das sich in den letzten Tagen immer deutlicher zeigte: nicht leben zu wollen. Und vor allem: nicht leben zu dürfen. Keine Existenzberechtigung zu haben. Nicht gewollt zu sein auf dieser Erde. Von meiner Mutter nicht. Von meinem leiblichen Vater nicht. Und von meinem Stiefvater schon gar nicht.
Die Geschichte dazu
Sie ist schnell und nüchtern erzählt. Eine Frau wird mit 17 schwanger, um ihre große Liebe zu halten. Dieser Mann ist viel zu jung für ein Kind, betrügt sie während der Schwangerschaft und macht sich kurz nach der Geburt ganz aus dem Staub. Ganz aus der Verantwortung nimmt er sich, indem er stirbt. Da war ich vier.
Aufgewachsen bin ich mit einem Mann, den ich für meinen Vater hielt. Er hat mich willkürlich und sehr oft verprügelt, angeschrien, mit kaum zu bewältigenden Aufgaben schikaniert und überfordert. Seine Wut auf mich war ungezügelt. Um seine Liebe habe ich wie verrückt gekämpft, ohne Aussicht auf Erfolg.
Mit 12 erfahre ich von einer Klassenkameradin, dass dieser Mann mein Stiefvater ist. Erst mit 16 spreche ich meine Mutter darauf an. Sie flippt völlig aus. Über „dieses Arschloch“, meinen leiblichen Vater, will sie nicht reden. Bis dahin hat sie mir jeden Tag gezeigt, wie sehr sie mich ablehnt, wie wenig sie mich haben wollte. Dafür gibt es eine Halbschwester, sechs Jahre jünger. Sie war das richtige, das gewollte Kind und Enkelkind, in einer Familie, in der ich das „Kuckucksei“ war, wie meine katholische Stiefoma mir noch deutlich sagte, als ich 21 war.
Mit 13 dann die Ausreise aus Weimar in die Pfalz, in den goldenen Westen. Das härteste Jahr meines Lebens: kein Schutzraum mehr, getrennt vom Freundeskreis und vom vertrauten Umfeld. Und meine Eltern unter völligem Existenzdruck, bei null anfangend, mit zwei Kindern im Gepäck.
Keine Sorge, ich habe allen vergeben, und das war ein langer, harter Weg. Mit meiner Mutter pflege ich heute ein gutes Verhältnis. Ich weiß, dass sie mich mittlerweile von Herzen liebt. Wir sind beide gute Schritte in unserer Entwicklung gegangen. Mein Stiefvater hat vor ein paar Jahren den Kontakt zu mir abgebrochen. Er fehlt mir nicht.
Ein halbes Leben später
Jetzt, ein halbes Leben später, finde ich mich wieder an dem Punkt, an dem ich nicht die volle Erlaubnis habe, wirklich zu leben. Das vermischt sich zu einem „Ich will ja auch gar nicht leben“.
In der Therapie heute kam durch eine einfache Übung die fast überwältigende Sehnsucht und zugleich der tiefe Schmerz nach oben: Natürlich will ich leben! Und wie traurig bin ich darüber, dass es einen anderen Teil in mir gibt, der es sich nicht erlaubt. Der auf die Erlaubnis der Mutter wartet. Der Anteil, der verbrannt ist von den Menschen, die mir ein sicheres Zuhause hätten geben sollen, die mich im Leben hätten willkommen heißen sollen, die mich vielleicht sogar hätten lieben können. Und die all das aus ihren Gründen, die sicher zu verstehen sind, nicht konnten.
Was mir bleibt, ist ein steiniger und schmerzhafter Weg der Heilung. Mit 21 begann ich meine Therapiekarriere. Nach vielen Drogen- und Alkoholexzessen und vielen Männern kam ich mit 28 in mein erstes buddhistisches Retreat. Die Hinwendung zur Meditation und zum spirituellen Weg hat mir das Leben gerettet. Mit 29 kam der komplette Schnitt: keine Drogen mehr, kaum Alkohol, nur wenige Männer, dafür viel Meditation, Selbsterfahrungsseminare ohne Ende und immer wieder Zeiten der Therapie.
Der Weg der Heilung
Er geht, so ist meine Erfahrung, durch den Schmerz. Jedes Mal, wenn es mir gelingt, mich mit meinem Körper und auch mit dem Geist zu verbinden, öffnet sich ein neues Stück in mir, und ich erlebe meine tiefste Wahrheit aus dem Prozess heraus. Da gibt es kein „Ich denke mir meine Gefühle, oder wie der Weg sein sollte“. Da gibt es nur die Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks, das präsente Sein mit dem, was sich gerade zeigt.
Alles schönzureden und positiv zu affirmieren, mag in manchen Situationen hilfreich sein. Für mich ist es in meinem Erleben ein Weglaufen vor dem, was eigentlich gefühlt und gesehen werden möchte. Und soweit ich es in meinem Umfeld sehe, heilt es die Menschen nicht wirklich. Es entstehen körperliche Schmerzen und Krankheiten, Panikattacken, tiefe Ängste, aber die Verbindung zum eigenen, innen liegenden Schmerz wird nicht hergestellt. Stattdessen konzentriert man sich noch stärker auf das Positive, das Lichtvolle. Das ist in Ordnung, jede und jeder wählt den eigenen Weg und, noch wichtiger, das eigene Tempo.
Meine tiefsten Heilungserlebnisse hatte ich immer dann, wenn es mir gelang, offen und präsent mit mir, meinem Körper, meinen Gefühlen und Gedanken zu sein. Im Vertrauen auf eine Instanz in mir, die all das beobachtet, begleitet und den Raum hält, in dem auch der tiefe Schmerz, Wut, Hass und tiefste Verletzlichkeit sich zeigen und sein dürfen. Daraus entsteht eine authentische Ganzheit. Licht und Schatten, beides hat seinen Platz. Und das ist auch der Weg in eine tiefe spirituelle Entwicklung.
In mir gibt es den Teil, der stark ist und der darauf vertraut, dass alles einen Sinn hat und dass ich heilen und voll im Leben stehen werde. Und das möchte ich allen zurufen, die durch Traumata in der Kindheit tief verletzt wurden: Es gibt einen Weg der Heilung. Vielleicht ist er erst zu Ende, wenn wir sterben. Aber er bringt auch das Juwel zutage, das in uns liegt, gerade weil wir durch solch kaum zu erklärenden Schmerz gehen mussten oder noch müssen.
Leben heilt. Und Leben sorgt für uns. Aho.
Kurzer Nachtrag damals: Es geht mir gut. Ich gehe durch intensive, aber heilsame Prozesse. Es ist genau richtig, wie es gerade ist.
Nachtrag, Oktober 2026
Als ich diesen Text geschrieben habe, war ich überzeugt, meiner Mutter vergeben zu haben. Heute sehe ich das anders.
Mein Stiefvater ist vor vier Jahren gestorben. In den drei Jahren davor hatten wir keinen Kontakt mehr. Mit ihm bin ich heute wirklich im Frieden. Ich konnte ihm vergeben, weil ich sehen konnte, wie sehr er selbst gelitten hat, unter seiner Vergangenheit, unter sich selbst und auch unter meiner Mutter. Dieser Frieden fühlt sich leicht an, fast still.
Bei meiner Mutter ist es anders. Den Kontakt zu ihr habe ich im Juni 2025 beendet, nach vielen Jahren, in denen immer wieder Dinge geschahen, die alte Wunden neu aufgerissen haben.
Was ich damals Vergebung genannt habe, war wohl eher die Hoffnung, dass es endlich gut werden darf. Echte Vergebung lässt sich nicht beschließen. Vielleicht war es einfach zu viel. Vielleicht bin ich noch nicht so weit. Vielleicht muss ich es auch gar nicht sein.
Frieden schließen heißt für mich nicht, die Tür wieder zu öffnen. Es heißt, sie in Ruhe geschlossen lassen zu können.
Ich lasse den Artikel trotzdem so stehen, wie ich ihn damals geschrieben habe. Er zeigt einen Schritt auf meinem Weg, und Heilung verläuft selten geradlinig.
Wenn es dir gerade nicht gut geht
Wenn du selbst an einem Punkt bist, an dem du nicht mehr weiterweißt oder nicht mehr leben möchtest: Du bist nicht allein, auch wenn es sich vielleicht genau so anfühlt. Es ist in Ordnung, Hilfe zu holen. Es ist sogar mutig. Ruf einen Menschen an, der dir nahesteht, oder wende dich an die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr kostenlos und anonym für dich da, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Du bist es wert, dass jemand für dich da ist.

In einem kostenlosen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, ob eine Begleitung für dich passt. Oder du liest weiter im Blog.