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Diesen Text habe ich im November 2022 geschrieben, in einer Zeit großer Umbrüche. Er ist sehr persönlich, und manche Passagen können an eigene Erfahrungen rühren.
Wenn die Kraft fürs Kompensieren fehlt
Im Sommer habe ich meinen Job im Angestelltenverhältnis gekündigt. Im August bin ich im Burnout gelandet. Mein Körper hatte mich mehr und mehr dazu gezwungen, und den ganzen August habe ich fast nur in der Hängematte verbracht. Nichts ging mehr. Inzwischen ist klar, dass auch eine Stoffwechselstörung dahintersteckt, durch die mein Körper wichtige Mineralien und Vitamine sehr schnell ausscheidet.
In dieser Zeit habe ich auch beschlossen, vorerst keine Präsenzworkshops mehr zu geben. Nach fast zehn Jahren mit immer neuen Anläufen, Workshops und Jahresgruppen bin ich müde geworden. Müde vom Hoffen und Bangen, ob sich genug Menschen anmelden, und vom ständigen Werben um Teilnehmerinnen. Die Entscheidung fühlt sich befreiend an. Wie viel dieses Kämpfen mit einer viel älteren Geschichte zu tun hat, zeigt sich erst nach und nach.
Denn parallel zum körperlichen Tiefpunkt kamen die inneren Prozesse. Für meine Kompensationsstrategien hatte ich keine Kraft mehr. Und so zeigten sich die Verletzungen, die darunter lagen.
Um die Liebe meiner Mutter kämpfen
Allen voran meine Mutterwunde. Mein ganzes Leben habe ich mich danach gesehnt, dass meine Mutter mir die Liebe schenken könnte, die einem Kind doch zusteht. Ich habe mich angestrengt, geleistet und funktioniert, um diese Liebe zu bekommen. Es war nie gut genug.
Inzwischen ist klar, dass sie es nicht kann, nicht so, wie ich es gebraucht hätte. Auf Einzelheiten gehe ich hier nicht ein. Wirklich zu fühlen, dass diese Liebe von ihr in diesem Leben nicht kommen wird, emotional und bis in den Körper hinein, hat sehr weh getan. In Schüben, über viele Wochen, kamen Wut und tiefe Trauer.
Ich halte dieses Betrauern für einen der wichtigsten Schritte der Heilung: zu betrauern, was die Eltern nicht geben konnten, aus welchen Gründen auch immer. Solange wir noch hoffen, kämpfen wir weiter. Erst die Trauer erlaubt, den Kampf zu beenden.
Was der Kampf mit meiner Arbeit zu tun hatte
Je mehr ich mich davon verabschiede, mir die Liebe meiner Mutter noch zu verdienen, desto mehr Motivation verliere ich zunächst. Und ich beginne zu ahnen, warum. Ich glaube, ich habe unbewusst versucht, in der Arbeit mit Klientinnen und in den Workshops eigentlich meine Mutter zu retten. Nach dem Motto: Wenn es meiner Mama besser geht, kann sie mich lieben.
Entsprechend hoch war der Druck, es in der Begleitung möglichst gut zu machen, und nicht nur dort. An meiner Arbeit hing unbewusst die Liebe meiner Mutter und am Ende meine Existenzberechtigung.
Viele Frauen mit einer Mutterwunde kennen diese Dynamik in irgendeiner Form, im Beruf, in der Partnerschaft, in Freundschaften: sich unentbehrlich machen, Verantwortung übernehmen, die nicht die eigene ist, und dabei leise hoffen, endlich genug zu sein.
Ich mag keine Erwartungen mehr erfüllen, keine Rollen mehr annehmen, nicht mehr funktionieren und Leistung bringen. Es ist genug. Je mehr ich mich davon löse, desto weniger weiß ich, wer ich ohne diese Rollen überhaupt bin. Auch das ist in Ordnung. Ich stehe neugierig hier, bereit, es herauszufinden.
Die Therapeutenrolle
Als Therapeutin soll man einem Bild entsprechen: innerlich stabil, strahlend, gefestigt. Vieles wird auf Begleiterinnen projiziert, und auch das gehört zum Heilungsprozess. Aber ich mag dieses perfekte Bild nicht mehr halten. Ich will Mensch sein, mit guten und schlechten Tagen, mit eigenen inneren Prozessen, mit allem, was zu mir gehört.
Wenn ich ganz ehrlich bin, ging es in den letzten Jahren vor allem um meine eigene Heilung. Und ich rutsche schnell hinein, Verantwortung für den Heilungsweg anderer zu übernehmen, statt sie dort zu lassen, wo sie hingehört. Es ist das alte Muster: die Tochter, die dafür sorgt, dass es allen gut geht.
Natürlich gab es auch sehr berührende Momente. Wenn Stille und Frieden da waren, wenn ein Mensch ganz nah mit sich in Kontakt kam, wenn Heilung geschehen durfte. Dafür bin ich sehr dankbar.
Aber den Druck, dass jede einzelne Sitzung großartig laufen muss, damit jemand wiederkommt, mag ich nicht mehr. Jede kann nur sich selbst heilen und sich dafür eine Begleitung an die Seite holen, wie eine Bergführerin. Die Schritte zum Gipfel geht sie selbst. Niemand wird sie hinauftragen.
Nachtrag, Oktober 2026
Vier Jahre später lese ich diesen Text mit viel Zärtlichkeit für die Frau, die ihn geschrieben hat. Ich habe die Begleitung nicht aufgegeben. Aber ich mache sie heute anders.
2025 habe ich noch einmal Präsenzworkshops angeboten und sie 2026 wieder beendet. Heute liegt mein Fokus auf Online-Workshops und auf der Einzelbegleitung. Ich muss niemanden mehr retten, um einen Platz zu haben. Die Verantwortung bleibt bei den Frauen, die ich begleite. Ich gehe an ihrer Seite, wie eine Bergführerin, die den Weg kennt, weil sie ihn selbst gegangen ist. Und ich darf dabei Mensch sein.
Auch die Geschichte mit meiner Mutter ist weitergegangen. Den Frieden, von dem ich damals schrieb, konnte ich so nicht halten. Seit Juni 2025 habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Mehr darüber erzähle ich in Leben mit Trauma.
Wenn du dich in diesem Kampf um Liebe wiedererkennst, begleite ich dich gern, behutsam und in deinem Tempo. Mehr dazu findest du unter Begleitung.
Alles Liebe
Ulrike

In einem kostenlosen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, ob eine Begleitung für dich passt. Oder du liest weiter im Blog.